Das Sterben
Sterben ist die Zeit am Ende eines Lebens, die den Übergang zum Tod darstellt.
Es ist schwierig, eine Linie zwischen Sterben und Tod zu ziehen.
Biologisch gesehen läuft das natürliche Sterben eines Menschen in folgenden Phasen ab:
- Einschränkung der Wahrnehmung durch verringerte Hirnaktivität.
- Die Atmung wird flacher.
- Das Sehvermögen wird schlechter.
- Das Hörvermögen funktioniert nur noch partiell.
- Das Augenlicht erlischt völlig.
- Herzstillstand, unmittelbar gefolgt vom
- Gehirntod.
An den Herzstillstand anschließend beginnt die Zersetzung des Körpers.
Den Anfang macht dabei das Gehirn.
Ein "Todeskampf" (auch "Agonie")
ist eine Metapher für "das Ringen mit dem Tod".
Die Sterbeforschung geht – in der Nachfolge von Kübler-Ross – davon aus,
dass viele Menschen beim Sterben alle oder einen Teil der folgenden
fünf aufeinanderfolgenden psychischen Stadien durchleben.
Die fünf Phasen des Sterbens (nach Elisabeth Kübler-Ross)
Elisabeth Kübler-Ross definierte die heute anerkannten fünf Phasen des Sterbens.
Genauer sind es nicht Phasen des körperlichen Vorgangs Sterben sondern der
geistigen Verarbeitung des Zwangs zum Abschied vom Leben bei Personen,
die bewußt erleben, dass sie massive gesundheitliche Verschlechterungen durchmachen.
Diese Phasen sind Verteidigungsmechanismen im psychiatrischen Sinne und dienen der
Bewältigung extrem schwieriger Situationen, welche nebeneinander vorhanden sein und
verschieden lang andauern können. Es gibt auch keine festgelegte Reihenfolge und
keinen Ausschluss der Wiederholung einzelner Phasen nach deren erstmaliger Bewältigung.
-
Nichtwahrhabenwollen und Isolierung
-
Die Krankheit wird zuerst vom Patienten geleugnet.
Er behauptet, dass das Röntgenbild vertauscht worden sei
oder der Arzt eine Fehldiagnose gestellt habe.
Falls die Familie sich nicht mit dem Tod auseinandersetzen will,
kann sie dem Angehörigen in dieser Phase nicht helfen.
Die Konsequenz bedeutet für die Angehörigen, dass sie den Tod des Sterbenden herbeisehnen
("Stirb so schnell wie möglich").
Als Außenstehender kann man dem Patienten helfen, indem man ihm Vertrauen anbietet
und den Kranken eventuell auch in seinem Nichtwahrhabenwollen unterstützt.
-
Zorn
Der Patient verspürt Neid auf die Weiterlebenden.
Das führt zu unkontrollierbaren Wutausbrüchen auf alle,
die nicht an seiner Krankheit leiden, wie z. B. Schwestern, Ärzte und Angehörige.
Diese können weiter ihr Geld verdienen, es in Urlauben ausgeben und ihre Pläne realisieren.
Die Angst vor dem Vergessenwerden plagt den Sterbenden zudem,
er empfindet sein Leiden vor dem Hintergrund der Katastrophen im Fernsehen als unwichtig.
Hilfe für den Patienten kann Aufmerksamkeit sein, dem Patienten nicht aus dem Weg zu gehen
und seinen Zorn notfalls auch zu provozieren, so dass es zur Aussprache kommt.
Wichtig dabei bleibt, dass die Betreuenden den Zorn des Patienten
nicht persönlich nehmen sollen, da der Zorn sonst Gegenzorn provoziert,
was einen fehlerhaften Kreis (Spirale des Streites) nach sich zieht.
Verhandeln
-
Diese Phase stellt eine kurze flüchtige Phase dar,
in der kindliche Verhaltensweisen zu Tage kommen,
wie die eines erst zornigen, dann verhandelnden Kindes,
das sich mit häuslichen Tätigkeiten eine Belohnung erhandeln will.
Der Patient hofft durch Kooperation auf Belohnung wie eine längere Lebensspanne
und Freiheit von Schmerzen. Meist wird der Handel streng geheim mit Gott geschlossen,
indem er sein Leben der Kirche widmet oder seinen Körper der Wissenschaft zur Verfügung stellt.
Um dem Patienten in dieser Phase beizustehen, hilft es,
seine Schuldgefühle gegenüber beispielsweise der Kirche zu erkennen und
ihn von seinen irrationalen Ängsten zu befreien.
Depression
-
Die Erstarrung, der Zorn und die Wut wird in zwei Formen von Verzweiflung und Verlust abgelöst.
Die erste Form ist reaktiv. Sie bezieht sich auf einen bereits geschehenen Verlust,
d. h. die Brust nach einer OP, das Geld für das Krankenhaus,
die Verantwortung gegenüber der Familie.
Durch Bekämpfung dieser Sorgen mit beispielsweise einer Brustprothese
oder der erforderlichen Umstellung der Familienversorgung,
kann dem Leidenden geholfen werden.
Die zweite Form ist vorbereitender Natur und kümmert sich um einen drohenden
Verlust wie den Tod oder die Abwesenheit im Leben der Verwandten.
Auch hier kann Intervention des Umfeldes dem Patienten in seinem Leiden Linderung beschaffen,
z. B. durch Berichte von den Angehörigen,
dass Kinder weiter gute Noten schreiben und viel spielen,
d. h. dass sie trotz Abwesenheit des Patienten das gewohnte Leben fortführen.
Zuviel Besuch stört jedoch das Trauern, das dem Kranken immer erlaubt sein muss.
Ohne subjektives Kennen der Angst und der Verzweiflung ist
kein Erreichen der nächsten Phase in Sicht.
Zustimmung
-
Nach Neid und Zorn auf alle Gesunden und Lebenden erwartet der Kranke den Tod und dehnt
seinen Schlaf aus. Die Phase ist frei von Gefühlen, der Kampf ist vorbei,
der Schmerz vergangen und der Patient will von den Problemen der Außenwelt in Ruhe
gelassen werden. Somit ist dies die schwierigste Phase für die Personen im
Umfeld des Sterbenden, da sie auch Zurückweisungen erfahren müssen.
Alte Patienten erreichen diese Zustimmungsphase leichter, da sie auf ihr Leben,
ihre Kinder und somit einen Sinn zurückblicken können.
Schwierigkeit in diesem Prozess macht die Unterscheidung dieser Phase gegenüber
frühem Aufgeben. Als Angehöriger hilft man am besten durch stummes Zuhören,
indem man dadurch zeigt, dass man bis zum Tod dabei bleibt.
Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass alle Phasen gemeinsam sich mit "Hoffnung"
beschäftigen und dass es ein Fehler wäre, dem Sterbenden die Hoffnung zu nehmen.
Es ist also die Aufgabe des Arztes, die Hoffnung weiterzugeben
("Ich habe mein bestes getan, um Ihnen zu helfen und ich werde fortfahren,
um ihre Lage nach Kräften zu erleichtern").
So wird der Arzt zum Freund, der mit bis zum Tod geht.
Während der eingetretene Tod des Menschen heute aus medizinischer Sicht relativ klar
definierbar ist (z.B. als Hirntod und unumkehrbares Erlöschen des Lebens im biologischen Sinne),
werden unter dem Vorgang des Sterbens
– je nach Kulturkreis und Weltanschauung – verschiedene Zeitrahmen und Zustände
verstanden, oder vielfach verdrängt.
Daher ist auch der Umgang mit dem Thema und mit Sterbenden äußerst verschieden.
Wenn jemand "im Sterben liegt",
kann das in einigen Fällen die Beziehung zum Betroffenen intensivieren,
in anderen Fällen aber auch zu einem Ausweichen und zur Vermeidung des Kontakts führen.
Wenn der Tod eingetreten ist, stehen stärker konventionalisierte Verhaltensregeln
und Rituale zur Verfügung, so dass diese Verhaltensunterschiede abnehmen,
aber dennoch in der Art des Begräbnisses oder der Form der Trauer
deutlich sicht- und spürbar sind.
In der westlichen Kultur hat sich im Laufe der letzten Jahrhunderte
der Umgang mit dem Thema Sterben in Wort, Denken, sozialem Verhalten
und auch in der Kunst stark verändert.
Was früher – auch durch den stärkeren Einfluss der Kirchen bedingt
– Anlass zum Nachdenken war –
aber auch manchmal zur persönlichen "Umkehr" oder zu Fatalismus
– ist heute vornehmlich ein Thema der Medizin.
Während die Menschen früher beim Sterben von ihren engsten Vertrauten
(Verwandten oder Freunden) begleitet wurden,
ist das Sterben heute oftmals in Kliniken oder Hospize "abgedrängt".
Kaum ein Mensch möchte sich der Erfahrung des Sterbens aussetzen,
weil Sterben und Tod heute so sehr tabuisiert sind.
Das Aufkommen und Erstarken der Hospiz-Bewegung,
bzw. die vielfältige Diskussion zur Ethik der Euthanasie macht bestehende Defizite deutlich.
Dass Sterben und Tod unmittelbar zum Leben gehören,
ist vielen erst wieder durch die Bücher von Elisabeth Kübler-Ross bewusst geworden.
Die Interviews mit Sterbenden wurden quasi zur "Gründungsurkunde"
der weltweiten Hospizbewegung, die ein "menschlicheres" Sterben
als üblich ermöglichen will.
Dabei spielt nicht nur die angenehme Gestaltung der Umgebung
und die emotionale Anteilnahme anderer eine Rolle,
sondern auch die Ermöglichung von Gesprächen lange Zeit vor dem Sterben sowie die
(Sterbe-)Begleitung und Körperkontakt bis zuletzt.
Einen sterbenden Menschen in den Tod zu umarmen,
wird von vielen als eine seltene und wertvolle Erfahrung empfunden.
Für den Umgang mit dem Sterben sind auch einige Erkenntnisse der Medizin
über unsichere Todeszeichen hilfreich – fehlinterpretiert werden hier
z. B. das Fehlen der Atmung, des Puls oder des Herzschlags,
die Lähmungen aller Muskeln und die Bewusstlosigkeit ("Scheintod").
Dass Sterbende in bestimmten Fällen dennoch ihre Umgebung wahrnehmen,
Hören und Fühlen können, ist inzwischen allgemein anerkannt.
Die sogenannten Nahtod-Erlebnisse geben, so ergreifend ihre Schilderungen sein können,
zwar kaum neue Erkenntnisse über den Tod,
haben aber der Bewusstseinsbildung zum Thema Sterben starken Auftrieb gegeben.
In den industriealisierten Staaten, auch in Deutschland,
findet das Sterben überwiegend in Institutionen des Gesundheitswesens statt.
Intensivstationen der Krankenhäuser werden genutzt,
um Möglichkeiten der Reanimation,
Therapie oder der teilweisen Wiederherstellung von verlorenen Körperfunktionen zu nutzen.
In Altenheimen (Betreutes Wohnen bis Pflegeheimen)
geht es um eine Wohnform am Lebensende unter möglichst weiter Beibehaltung
des bisher gewohnten Lebensstils (Aktivitäten des täglichen Lebens),
die aber durch den unterschiedlich hohen Verlust von Eigenaktivitäten in
diesen Bereichen gekennzeichnet ist.
Sterbebegleitung am Lebensende ist eine der pflegerischen Aufgaben dieser Einrichtungen.
Ethisch problematisch wurde in den vergangenen Jahren eine Lebensverlängerrung
um Monate oder Jahre durch künstliche Ernährung (vor allem mittels PEG-Sonde) diskutiert.
Hospize sind als stationäre Einrichtung darauf spezialisiert,
Personen ein Leben und Sterben in Würde zu ermöglichen,
die an an einer tödlichen Krankheit im Endstadium leiden
und deren Versorgung in der häuslichen Umgebung oder im Krankenhaus
sonst nicht gewährleistet ist.
Hierbei handelt es sich nicht um ein Regelangebot
des staatlichen Gesundheitswesens sondern es ist abhängig
von Spenden und ehrenamtlichem Engagement.
Sterben in der häuslichen Umgebung ist
seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts durch die Suche nach Heilung
seltener geworden. Es sind aber immer noch 15–25 % der Todesfällte.
Medizinische und pflegerische Versorgung erfolgt hier durch HausärztInnen
und ambulante Pflegedienste.
Neuerdings gibt es auch Angebote begleitender Dienste durch Hospizvereine,
die keine separate stationäre Wohnform anbieten.
Und es sterben Menschen nach Unfall oder akuter Krankheit
(z. B. Herzinfarkt, Suizid) unterwegs auf/an Straßen.
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